Ein Zwischenruf zur Einführung des Plastikballs im Tischtennis von S. Sahm

Sie werden fragen: hinkt dieser Vergleich nicht etwas? Ich muss zugeben, die schlimmen Folgen des Plastikmülls in den Weltmeeren sind bewiesen, die Folgen für die Meeresbewohner unübersehbar. Über die Nahrungskette gelangen Teile des Mülls als Mikroplastik in den menschlichen Körper und sorgt dort für nicht absehbare negative Folgen. Und im Tischtennis? Zwar gab es einen 160-Zeichen-Post auf wtiwwer.com, wonach ein Tischtennisspieler auf einen Schmetterball seines Gegners mit einem so überraschten „Ohhhh“ reagierte, das er dabei den Ball verschluckte und schließlich mit einer Plastikball-Magenkolik ins Krankenhaus kam, doch dieser Bericht wurde inzwischen dementiert. Selbst aus dem Zentrum für alternative Fakten, das helle, unbunte Haus an der Ostküste Amerikas, hat bisher keine Berichte veröffentlich, nach denen Spieler durch den oralen Kontakt mit den neuen Plastikbällen zu ernsthaftem Schaden  gekommen wären.

Also fragt der Laie: wo ist dann das Problem?

Naja, da in Deutschland kein ernstzunehmender Artikel ohne Fußballanalogie auskommt, versuche ich mich mit einem solchen. Sie erinnern sich vielleicht, an den Schießstand bei Ihrem letzten Jahrmarktbesuch. Dort gibt es meist Metallhäschen auf einem Laufband, die Sie mit Kimme und Korn eines Luftgewehres verfolgen müssen, um im besten Fall einen Teddybären für Ihre Liebste zu ergattern. Stellen Sie sich nun vor, die Tore bei einem Fußballspiel wären auf einem solchen Laufband montiert. Genauso zufällig und schwer berechenbar wird das Tischtennisspiel mit den neuen Plastikbällen. Sicherlich kann man sich auch daran gewöhnen, auch wenn das Tor direkt neben der Eckfahne ungewöhnlich erscheinen würde und Manuel Neuer zum laufstärksten Spieler seiner Mannschaft umschulen müsste. Aber die Plastikbälle springen so unregelmäßig, dass die Rodauger vom JSK vor Saisonstart zur Wahl der besten „Tischtenniskartoffel“ aufriefen. Die Wahl gewann die Kartoffel – äh, der „Ball“- eines führenden Anbieters für Tischtennisbedarf in Deutschland. Doch unser Kopfschütteln war förmlich hörbar, als in einem 72er Karton sogenannte „Bälle“ mit unterschiedlichen Weißtönen ankamen. Ein Beweis für unglaublich hohe Produktionsstandards.

Der Experte fragt: wozu die Umstellung?

Argument 1: der Transport der hochbrennbaren Zelluloidbälle wurde in einer Zeit steigenden Risikobewusstseins und besser Schutzvorschriften immer aufwändiger. Zugegeben, das Plastik der neuen ABS-Bälle brennt wesentlich schlechter als das alte Zelluloid. Dennoch kann man davon ausgehen, dass Hochsicherheitstransporte von Zelluloidbälle in Castor-Transportern in ihre Endlager (Sporthallen) wesentlich weniger Proteste hervorgerufen hätten, als die gewöhnlichen Inhalte von Castor-Transportern.

Argument 2: der Sport soll interessanter und für Zuschauer attraktiver gemacht werden. Nun ja, die Maßnahmen der letzten Jahre (Sätze nur noch bis 11 statt 21 Punkte, Bälle mit 40 statt 38mm Durchmesser) haben zu einem unvorhersehbaren Boom dieser ehemaligen Randsportart geführt. Die Verdienstmöglichkeiten für die Spitzensportler sind so gut geworden, dass Sportler erst wenn sie bei der Tischtennisnationalmannschaft abgelehnt wurden, versuchen im Fußball unterzukommen. Und nach neusten Gerüchten, die der Postillion vielleicht irgendwann veröffentlichen wird, diskutieren die Gremien von ARD und ZDF im Mai 2019 statt des Fußball-Champions League-Finales doch besser das Relegationsspiel für die Tischtennis-Hessenliga zu übertragen. Doch ob die teuren Tischtennis-Fernsehrechte mit dem öffentlich-rechtlichen Auftrag zu rechtfertigen wären, prüfen derzeit die Juristen.

Argument 3: der Umweltschutz. Die Plastikbälle können perfekt aus dem Plastikmüll in den Weltmeeren hergestellt werden und so schließt sich der Recyclingkreislauf. Im Prinzip ist dieses Argument unschlagbar, wer würden sich dem Umweltschutz entgegenstellen wollen. Hier steckt jedoch ein Pferdefuß – die Haltbarkeit der neuen Plastikbälle. Nach bisherigen Erfahrungen sind die Bälle nach 20 Minuten intensiver Spielzeit kaputt. Gehen wir von 100 Mio. tischtennisspielenden Chinesen aus, die jeweils 2 Stunden Tischtennis pro Woche spielen, ergeben sich allein in einem asiatischen Land 31 Mrd. kaputte Plastikbälle pro Jahr. Das wären etwa 10 Mio. gelbe Säcke voll Plastikmüll.

Und was will uns der Autor damit sagen?

Es gibt erste Lichtblicke: die neue dt. Sammlungsbewegung „Rettet den Zelluloidball“ hat bereits einen Follower. Für Montag ist vor dem Giesemer Rathaus eine Demonstration unter dem Motto „Wir sind die Tischtennisspieler“ geplant. Und schließlich ist ein Antrag den dt. Tischtennisbund (DTTB) in „Dt. Tischplastiktennisbund (DTPTB)“ und „echter dt. Tischtennisbund“ aufzuspalten in Vorbereitung, wenngleich diesem eher geringer Chance vorhergesagt werden.

Ich bin kein Verfechter von Verschwörungstheorien, glaube weder an böse Mächte noch an eine raffgierige Tischtennis-Sportartikel-Industrie, denn dazu müsste ich zumindest die Gewinnmargen der alten und neuen Bälle kennen. Nein, ich denke eher, dass Funktionäre auf Basis unvollständiger Informationen („Zelluloid hochbrennbar“, „Plastik kann alles“) und kaum zu bändigem Veränderungswillen eine falsche Entscheidung getroffen haben.

Nach neusten Gerüchten plant der DTTB im Rahmen seiner Digitalisierungsstrategie gar den Tischtennisball ab der Saison 2019/20 aus Bits & Bytes produzieren zu lassen. Die Vorteile lägen klar auf der Hand, Reduzierung der Umweltbelastung durch Spieler, die mit dem Auto zum nächsten Spiel fahren, großes Digitalisierungspotenzial durch künstliche Intelligenz und beste Chancen auf den dt. Innovationspreis.

Doch damit muss Schluss sein. Wir wollen weiterhin Spaß an unserem Sport haben, uns mit Sportsfreunden treffen und messen und uns sowohl am Tisch als auch anschließend gemeinsam in die Kneipe bewegen. Daher rufe ich euch allen zu: make Tischtennis great again!

In diesem Sinne euch allen einen schönen Saisonstart!

Dieser Zwischenruf spiegelt nicht zwingend die Meinung der Abteilung oder des Abteilungsvorstands wider.

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